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„Wir sind gut aufgestellt“

Auf dem Energiemarkt herrscht viel Unsicherheit.

Der Verbrauch geht zurück. Preise steigen und fallen. Wo die Energiewende hinführt, ist noch völlig offen. Von den Kosten ganz zu schweigen. Die Halberstadtwerke haben sich neu positioniert. Geschäftsführer Bodo Himpel spricht im Interview über den Wandel vom Energielieferanten zum Energiedienstleister, den Chancen des liberalisierten Energiemarktes und über Seriosität und Zuverlässigkeit.

Martini: Bundesweit ist der Energieverbrauch im vergangenen Jahr um mehr als 4 Prozent zurückgegangen. Gilt das auch für den Energieverbrauch der Kunden der Halberstadtwerke?

Bodo Himpel: Das kann nicht pauschal beantwortet werden. Man muss deutlich zwischen Strom, Gas und Fernwärme unterscheiden. Überall wird gespart. Das merken auch die Halberstadtwerke. Im Strom konnten wir die Rückgänge durch die Akquise von Neukunden kompensieren. Dadurch können wir seit 2013 beim Strom auf einen konstanten Absatz verweisen. Beim Gas sieht das schon wieder ganz anders aus. Durch den letzten sehr warmen Winter 2013/2014 haben wir beim Gasverbrauch einen Rückgang von 18 Prozent zu verzeichnen. Das ist schon erheblich. Das hat sich natürlich auch auf die Fernwärme ausgewirkt. Aber auch in diesem Bereich konnten wir durch einen Kundenzuwachs besonders in der Altstadt den Rückgang auffangen.

Martini: Wie fällt vor diesem Hintergrund die wirtschaftliche Gesamtbilanz 2014 der Halberstadtwerke aus?

Bodo Himpel: Die fällt auch im Vergleich zum guten Geschäftsjahr 2013 sehr positiv aus. Selbst den Absatzrückgang im Wärmemarkt durch den warmen Winter konnten wir ohne Preiserhöhung kompensieren. Darüber hinaus haben wir uns durch die verstärkte Ausrichtung der Halberstadtwerke hin zu einem Energiedienstleister von Marktschwankungen unabhängig gemacht. Wir verkaufen also nicht nur Energie, wir treten vermehrt als Berater, Dienstleister und Händler auf. Das sichert uns ein großes Maß an wirtschaftlicher Unabhängigkeit und garantierte unseren Kunden stabile Preise. Preisschwankungen auf dem Markt können wir so gut ausgleichen.

Martini: Im liberalisierten Energiemarkt sehen sich die Halberstadtwerke einer starken Konkurrenz ausgesetzt. Wie behaupten sich die Stadtwerke in diesem Umfeld?

Bodo Himpel: Unser Ziel ist es nicht, bei Verivox auf Platz eins zu stehen. Das sind nur Momentaufnahmen. Unter seriöser und langfristiger Preispolitik verstehen wir etwas anderes. Wir verkaufen nicht nur Energie, wir beraten auch, wo sie eingespart werden kann, und wir kontrollieren und überwachen die Versorgung im Interesse unserer Kunden. Das klingt zunächst einmal unlogisch, leben wir doch auch vom Energiehandel. Wir wollen aber über Vertrauen und Zuverlässigkeit Kunden gewinnen.
Außerdem sind wir immer mehr direkt an den Energiemärkten tätig, kaufen dort Strom und Gas ein, um beides auch bundesweit zu verkaufen. Wir verlassen uns nicht mehr nur auf unsere Vorlieferanten und müssen so nicht mehr nur deren Preise akzeptieren. Das garantiert unseren Kunden ein hohe Preisstabilität. Die Wechselquote bei Stromkunden liegt bundesweit bei über 30 Prozent. Unsere liegt bei unter zehn Prozent.

Martini: Die Halberstadtwerke haben im vergangenen Jahr erheblich in den Ausbau des Fernwärmenetzes investiert. Wie sehen die Pläne für die nächsten Jahre aus?

Bodo Himpel: Wir sind bei der Fernwärme weiter als geplant. Unsere Erwartungen wurden übererfüllt. Die Fernwärme wird dort, wo ein Anschluss möglich ist, auch angenommen. Fernwärme garantiert eine lange Preisstabilität, und die dezentrale Aufbereitung steht für Sicherheit und Umweltschutz. Einen höheren Wirkungsgrad als bei unserer Kraft-Wärme-Kopplung für die Erzeugung von Wärme und Strom gibt es nicht. Zudem sichert ein 24-Stunden-Service eine reibungslose Versorgung ab. Wir werden die Fernwärme in den nächsten Jahren weiter ausbauen.

Martini: Die vom Stadtrat verabschiedete Fernwärme-Satzung stößt nicht nur auf Begeisterung. Besonders die WGH wehrt sich gegen den Anschlusszwang. Wie ist der Stand des Rechtsstreits?

Bodo Himpel: Dazu kann ich derzeit nur so viel sagen, dass sich die Anwälte mit diesem Thema beschäftigen. An unserer Positionierung zur Fernwärme wird sich aber nichts ändern.

Martini: Die EEG-Umlage sinkt erstmalig in diesem Jahr. Was sind die Ursachen, und wird sich das auf den Energiepreise auswirken?

Bodo Himpel: Erklären, warum die EEG-Umlage sinkt, kann wahrscheinlich nur die Politik. Würden wir diese Absenkung von 0,18 Cent an den Kunden weitergeben, wäre das Porto teurer als der Ersparniseffekt. Bei der derzeitigen Politik wird die EEG-Umlage wieder steigen. Auch die Politik kann die Physik, die Mathematik und die Gesetze der Finanzwelt nicht außer Kraft setzen. Auch wenn sie das gerne würde.

Martini: Wie werden sich die Preise entwickeln?

Bodo Himpel: Für unsere Kunden durchaus positiv. Wir haben den Joker-Treue-Strom zum 1. Januar 2015 eingeführt, der den bisherigen Joker-Strom-Tarif ablöst. Er ist mindestens 0,3 Cent pro Kilowattstunde preiswerter als das bisherige Produkt. Außerdem wird mit diesem Tarif künftig die Treue zu den Halberstadtwerken in barer Münze ausgezahlt. Darüber hinaus werden wir zum 1. März für einige Strom-Tarife die Preise senken. Die betroffenen Kunden werden von uns in den nächsten Tagen informiert.

Martini: Zurzeit befindet sich der Ölpreis auf einem Rekordtief. Autofahrer nehmen das mit Freude zur Kenntnis. Warum spürt das der Erdgaskunde nicht im gleichen Maße, ist doch der Erdgaspreis an den Ölpreis gekoppelt. Oder gilt das nur, wenn der Ölpreis steigt?

Bodo Himpel: Diese Kopplung von Erdöl- und Gas-Preis gibt es schon lange nicht mehr. Das ist eine historische Geschichte, die von der Entwicklung auf den Erdöl- und Gasmärkten längst überrollt wurde. Wir kaufen Erdgas langfristig auf dem Markt ein und versuchen den bestmöglichen Preis zu erzielen. Mit dem Erdölpreis gibt es keinerlei Verbindung.

Martini: Die Halberstadtwerke betonen immer wieder ihre Verbundenheit mit der Region und mit der Stadt Halberstadt. Woran wird das für die Halberstädter deutlich?

Bodo Himpel: Einmal an einem breiten Vereinssponsoring. Ich betone das zuerst, weil der Trugschluss vorherrscht, dass wir nur den VfB Germania Halberstadt unterstützen. Viele Vereine in unserem Versorgungsgebiet haben schon in irgendeiner Form von uns Unterstützung erfahren. Darüber hinaus stehen Sponsoring für Kultur und Bildung ganz oben auf unserer Agenda. Zudem verstehen wir uns als Netzwerker. Wir arbeiten fast ausschließlich mit Firmen aus der Region zusammen. Unsere Aufträge für Investitionen und Sanierung werden in der Region vergeben. Dies ist ein erheblicher Beitrag zur lokalen Wertschöpfung.
Nicht zuletzt ist auch unsere überdurchschnittliche Ausbildungsquote von mehr als 16 Prozent ein Beweis regionaler Verbundenheit. Normal sind vier Prozent. Wir wollen, dass die Jugend hier bleibt, ihnen einen Zukunft aufzeigen.

Martini: Es heißt, die Halberstadtwerke, wollen 2015 den Umweltpreis der Stadt wiederbeleben?

Bodo Himpel: Das ist richtig. Der Umweltpreis ist in Vergessenheit geraten. Mit Blick auf die Herausforderungen der Zukunft, ist das aber ein falsches Signal. Wir werden deshalb gemeinsam mit Privatkunden, Schulen und Unternehmen den Preis neu beleben.

Martini: Wo sehen sich die Halberstadtwerke in den nächsten zehn Jahren?

Bodo Himpel: Wir werden uns zu einem Energiedienstleister für die Region entwickeln. Es geht schon lange nicht mehr darum, bloß Energie zu verkaufen. Würden wir uns darauf konzentrieren, hätten wir auf dem Markt keine Chance. Die Kunden wollen viel mehr. Sie wollen Beratung, Service, Zuverlässigkeit und Transparenz. Das können wir ihnen bieten. Dafür sind wir gut aufgestellt.

 

Das Gespräch führte Mathias Kasuptke.

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