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Studieren unter Strom

Eigentlich ist Dr. Rainer Gerloff Leiter des Vertriebs der Halberstadtwerke. Einmal in der Woche tauscht er Büro gegen Hörsaal und weiht Studenten der Hochschule Harz als Dozent in die Geheimnisse der Energiewirtschaft ein – eine Doppelrolle mit besonderem Hintergrund.

In Hörsaal N 113 der Hochschule Harz in Halberstadt dient gleich neben der Tür eine ganze Wand als Whiteboard. Mit schnellen Handbewegungen schreibt Dr. Rainer Gerloff eine Formel an die weiße Tafel. Darauf angesprochen, erklärt er, dass man so das Risikomaß eines Börsen-Produktes errechnen kann und dabei festlegt, welche Preisrisiken nicht überschritten werden dürfen.

„Die Halberstadtwerke arbeiten sehr verantwortungsvoll für verschiedene Kundengruppen nach festgelegten Beschaffungsstrategien. Wir achten beim Einkauf unserer Produkte, Strom und Gas, auf Preiswürdigkeit und stabile Preisverhältnisse, die wir dann an unsere Kunden weitergeben. Diese Handlungsweise fließt auch in meine Lehrtätigkeit ein, wenn ich Studenten die verschiedenen Aspekte eines Versorgungsunternehmens nahebringe“, erzählt der Dozent. In seinen Vorlesungen zur „Energie- und Versorgungswirtschaft“ dreht sich alles um Themen wie Stromerzeugung, Stromtransport, Energiehandel, aber auch um Mathematik und Physik. Bislang haben die Halberstadtwerke einen Weiterbildungslehrgang für ihre Mitarbeiter angeboten und mit Dr. Gerloff einen Referenten gestellt, der kaum einen größeren Praxisbezug mitbringen könnte. Für angehende Wirtschaftsingenieure mit der Vertiefungsrichtung „Regenerative Energien“ lehrt der Dozent ebenso an der Hochschule. Im aktuellen Wintersemester gibt es erstmals zusätzlich einen dualen Studiengang. „Unsere Kooperation mit der Hochschule Harz entwickelt sich ständig weiter.

Wir freuen uns, dass die Anforderungen aus unserem Unternehmen so schnell umgesetzt werden konnten und wir mit dem neuen dualen Studium eine Lücke in unserem Ausbildungsangebot schließen können“, so Bodo Himpel, Gesch.ftsführer der Halberstadtwerke. Eine Neuerung, die allen Seiten Vorteile bringt. „In Folge der demografischen Veränderungen müssen wir unsere Hochschule ‚winterfest’ machen“, erklärt Professor Dr. Armin Willingmann und schließt an: „Für zukünftige Studierende ist diese Ausbildungsform besonders interessant. Schon während des Studiums sind die Studierenden eng in die Unternehmen eingebunden, und sie werden über die gesamte Dauer ihrer akademischen Ausbildung entlohnt.“

Ein Aspekt, der auch Kevin Jung als erstem dualen Studenten der Halberstadtwerke wichtig war. „Ich wollte nach meinem Abi gern in der Region bleiben. Meine Familie und Freunde sind hier, ich gehe gern zum Fußball. Daher bin ich sehr glücklich, dass ich eine Ausbildung bei den Stadtwerken mit dem Studium an einer Fachhochschule kombinieren kann. Das spart mir viel Zeit – in vier Jahren möchte ich meinen Bachelor-Abschluss in der Tasche haben“, so der 19-Jährige. So gut ausgebildet hat er dann beste Chancen, ins Unternehmen übernommen zu werden. „Wir möchten junge Menschen dabei unterstützen, in der Region zu bleiben, denn wir als Stadtwerke brauchen auch in Zukunft gute Mitarbeiter. Wir kämpfen um kluge Köpfe,“ beschreibt Bodo Himpel. Die Studienbedingungen an der Hochschule Harz mit den Standorten in Halberstadt und Wernigerode findet Dr. Rainer Gerloff optimal. Im Rahmen seiner eigenen akademischen Laufbahn hat der promovierte Physiker Hochschulen in Berlin, Halle und Aachen kennen gelernt. „Die Betreuung an unserer lokalen Fachhochschule ist sehr gut, viele Dozenten kommen direkt aus Unternehmen, so dass sich Wissenschaft und Praxis von Anfang an eng verzahnen lassen“, erklärt der Energie-Experte. Das ist auch die Motivation des Vertriebschefs, einmal in der Woche Büro gegen Hörsaal zu tauschen. Für ihn ist Deutschland ein Land, das von geistigen Ressourcen getragen wird und sich durch Innovationen einen Vorsprung in der Wirtschaft verschafft hat. Daher ist er bei der Ausbildung seiner Studenten sehr anspruchsvoll. Zehn Lernmodule von Fernwärme bis Strom werden bearbeitet und abschließend geprüft. Kevin Jung freut sich auf das, was vor ihm liegt. „Ich habe schon gehört, dass ein duales Studium anstrengender ist als andere Ausbildungen, aber ich stelle mich dieser Herausforderung gern“, versichert Kevin Jung. Er hat sich bewusst entschieden – für ein Studium unter Strom.

Ideengut - Mandy Ebers

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